Liebe Leserinnen und Leser, liebe Unterstützer, Freunde und Interessenten!
Ich möchte mich zu Beginn bei euch allen ganz herzlich entschuldigen für das über einen Monat lang anhaltende Vernachlässigen meines Blogs sowie meiner Berichterstattung aus Japan! In den letzten Wochen ist hier einiges passiert, was ich im folgenden Monatsbericht ausführlich schildern möchte:
Das wohl mit Abstand größte Highlight der vergangenen Zeit war sicherlich der Besuch meiner Freundin, welche nach einem fast halbjährigen Neuseelandaufenthalt einen dreiwöchigen Abstecher nach Japan machte. Zuvor jedoch war Geduld gefragt, denn zwischen letztem Monatsbericht und ihrer Ankunft lagen noch drei ganz normale Arbeitswochen. Wie sich der Ein oder die Andere vorstellen kann, verging diese Zeit erschreckend schnell, wenn wir auch mit anhaltender Kälte zu kämpfen hatten, da bekanntlich der Februar und März die kältesten Monate in Japan darstellen. Und doch vergehen die Tage wie eh und je. Man entwickelt seine tägliche Routine und lebt des Weiteren in den Tag hinein, speziell, wenn es so kalt ist und man am Wochenende wenig Motivation für Aktivitäten im Freien entwickeln kann. Dies mag mancher mit Faulheit begründen wollen, doch stellt euch vor, ihr wacht an einem Samstagvormittag auf und beschließt, euer warmes Bett zu verlassen, nur, damit ihr euch etwas zum Frühstück machen könnt in der Küche. Schon hat man einen Fuß aus dem Bett gestreckt, merkt man, dass dies der falsche Beschluss zum falschen Zeitpunkt war, doch ist auch das Hungergefühl nicht das Schönste. Man verlässt also sein Zimmer, um in die eisige Küche zu gehen für ein paar geröstete Toastscheiben und einen warmen Kakao. Nach einem solch prägenden Moment schon am Morgen kommt man gar nicht auf die Idee, seine vier Wände verlassen zu wollen. Doch ganz untätig bin ich in dieser Zeit selbstverständlich auch nicht gewesen: Einem Mitfreiwilligen, welcher in Osaka sein Auslandsjahr verbringt, ist es gelungen, uns Fußballverrückten eine wöchentliche Gelegenheit zu ergattern, bei der wir dieser Sportart nachgehen können, also ist es nun Brauch, dass wir uns jeden Samstag um 5 Uhr treffen, um mit dem Chemie-Studiengang der Osaka-Universität zu kicken. Dies wird dann meist verbunden mit weiteren Aktivitäten, sodass mir an einem Samstag niemals langweilig werden könnte. Außerdem traf ich mich vor einigen Wochen mit der ehemaligen Mitschülerin, welche ich im letzten Monatsbericht erwähnte, sowie weiteren ehemaligen Mitschülern, was ein sehr schönes Erlebnis war, da wir uns mehrere Jahre nicht mehr begegnet waren. Überhaupt konnte ich mir in der letzten Zeit ein kleines, aber durchaus feines freundschaftliches Umfeld schaffen, sodass auch außerhalb der Arbeitszeit niemals einsame Monotonie aufkommt.
Jetzt möchte ich aber auf den Besuch meiner Freundin zu sprechen kommen, der immerhin 3 Monate meiner Zeit hier in Japan in Anspruch nahm. Es ist ein schier unglaubliches und noch schwieriger zu beschreibendes Gefühl, wenn man monatelang darauf wartet, seine Liebste wiederzusehen, um sie dann am Gate des internationalen Flughafens in Tokio in die Arme nehmen zu können. Man weiß in solchen Momenten wirklich nicht, ob man vor Glück weinen oder lachen soll. Es sind diese magischen Momente, die uns Menschen glücklich machen und alles um einen herum unwichtig erscheinen lassen. Immerhin haben wir zwei uns seit meiner Abreise aus Deutschland 7 lange Monate nicht mehr gesehen und ich kann bestätigen, dass alle Vorfreude sich gelohnt hat, da wir eine wunderschöne Zeit miteinander verbringen konnten. Für sie war es der erste Aufenthalt in Japan und so hatte ich mir natürlich vorgenommen, ihr so viele Vorzüge dieses Landes wie möglich zu präsentieren und ich bin mir sicher, dass sie nicht enttäuscht wurde, wie auch aus ihrem abschließenden Fazit herauszuhören war.
Die erste Woche verbrachten wir in der Hauptstadt, wobei wir vier Tage lang das Privileg genießen konnten, bei Verwandten von mir zu wohnen, was natürlich eine doppelt schöne Erfahrung war, da wir nicht nur einen typisch japanischen Haushalt zu Gesicht bekamen, sondern auch mit feinster japanischer Küche verwöhnt wurden. Innerhalb der 8 Tage in Tokio zeigte ich ihr so viele faszinierende Orte wie möglich, welche durchaus Wirkung zeigten, wobei speziell die Anzahl an Menschen sie zu Beginn schockte, kam sie doch gerade aus dem bevölkerungstechnisch gesehen beschaulichen Neuseeland. Natürlich durften auch ein Besuch im Disneyland Tokio, ein gemeinsames Abendessen mit meinen Großeltern und ein Treffen mit einem Mitfreiwilligen nicht fehlen, bevor es Richtung Kobe ging. Hier erst einmal angekommen, bekam meine Freundin endlich meine Unterkunft zu sehen, in welcher ich immerhin ein ganzes Jahr meines Lebens verbracht haben werde und welches sie schon so oft auf dem Monitor ihres Laptops während der unzähligen Skype-Telefonate gesehen hatte. Die folgenden Tage besuchten wir die Städte Nara und Kyoto, wobei wir tatsächlich zur allerschönsten Jahreszeit Japans anwesend waren, nämlich der Sakura-Zeit. Es ist wunderschön, Tempel umsäumt von Kirschblüten sehen zu können und gerade in diesen zwei Städten, die jeweils über ganz eigene Noten verfügen, war es besonders bezaubernd, denn während sich in Nara zwischen den alten Sakura-Bäumen und Schreinen Rehe sonnen, ist Kyoto, seines Zeichens die alte Kaiserstadt, umkesselt von Bergen, sodass der Eindruck vermittelt wird, man befinde sich nach der Zugfahrt in einem von der Außenwelt abgegrenzten, eigenen riesigen Dorf, in dem teilweise die Zeit stehen geblieben zu sein scheint.
Um die täglich gewonnen Impressionen so variabel wie möglich zu gestalten, flogen wir am nächsten Tag von Kobe aus über Okinawa auf Ishigaki, einer kleinen Insel im Pazifik. Nach tagelangen Besichtigungstouren in den verschiedensten Millionenmetropolen Japans hatte ich mir gedacht, dass ein Inselurlaub genau das Richtige ist, um mal von der lauten, schnellen Welt abzuschalten und ganz man selbst zu sein. War auch das Wetter nicht immer unbedingt das Beste, genossen wir die folgenden Tage in vollen Zügen. Traumstrände mit azurblauem Wasser, Vegetation, wie man sie sonst nur aus Katastrophenfilmen mit abgestürzten Flugzeugen auf einsame Inseln kennt, unvergleichliche Begegnungen mit gutmütigen Inselbewohnern und Essen, wie es typischer für ein Eiland nicht sein könnte, waren nur wenige Gründe, die bei uns schon von Beginn an ein Lächeln in unseren Gesichtern zeigen ließen. Interessant für mich war es, zu sehen, dass die dortigen Bewohner sich von „normalen“ Japanern, sprich denen der Hauptinsel, sowohl sprachlich als auch äußerlich und verhaltenstechnisch stark unterschieden. Trotzdessen weiß man immer, dass man sich weiterhin in Japan befindet, was jetzt bei euch komisch klingen könnte, da dies doch normal sein müsste, was jedoch für mich eine äußerst spannende Erfahrung darstellte.
Schließlich, nach einem traumhaften langen Wochenende, ging es schließlich zurück ins ebenfalls schöne, jedoch um Welten anders erscheinende Kobe. Für mich hieß es nun erst einmal, die folgende Woche zu arbeiten, während meine Freundin für einige Stunden ohne mich auskommen musste. Eine tolle Sache für sie und mich war, dass sie für fast einen ganzen Vormittag an die Deutsche Schule kommen und meine Arbeit sehen konnte. Nachmittags und abends war es einfach nur schön, gemeinsam etwas unternehmen zu können nach dieser langen Zeit, in der wir uns nicht gesehen hatten.
An unserem vorletzten gemeinsamen Tag machten wir Hanami. Hanami heißt übersetzt so viel wie „Blumenschauen“ und wird in der Praxis so umgesetzt, dass man sich mit Freunden oder seiner Freundin in einem schönen Park voller Kirschblüten trifft und in dieser wundervollen Atmosphäre ein gemeinsames Picknick hat oder zu späterer Stunde etwas trinkt, Musik hört und macht und einfach Spaß hat. Dies mag simpel klingen und ist es bei näherer Betrachtung auch, und doch war es mit das Schönste, was wir während unserer ganzen gemeinsamen Zeit erlebt hatten. Wir hatten uns einen schönen Platz am Shukugawa, einem kleinen Bächlein gesucht, und genossen bei 20 Grad die Kirschblüte und die gute Laune der Anderen, die sich sofort auch auf uns abgefärbt hatte. Für mich persönlich war es übrigens das erste Mal, dass ich während der Sakura-Zeit in Japan sein durfte und es wird mir wohl für immer in guter Erinnerung bleiben. Es ist ein Phänomen, dass die Kirschblüten nur für knapp 3 Wochen ihre rosa Blüten tragen und doch jeder Japaner sie liebt und verehrt wie keine andere Blüte, schließlich gäbe es Andere, die weitaus länger blühen und mindestens genauso schön sind. Die Sakura hat jedoch eine ganz eigene zauberhafte Wirkung, denn im Wind fallen die Blüten wie Schnee in die Bäche, an denen sie wachsen und gedeihen. Eine weitere zauberhafte Wirkung ist, dass, sobald diese Zeit des Blühens anfängt, jeder Japaner plötzlich glücklich und lächelnd durch die Straßen läuft und seines Lebens froh ist. Aneinandergereiht in Reih‘ und Glied und doch harmonisch und nicht gezwungen wirkend, mit einem Bächlein im Vordergrund, einem Tempel oder Schrein, versteckt hinter einigen Bäumen und doch zu erahnen und schließlich die hohen, fast bedrohlich herausragenden Bergen im Hintergrund, wird einem mit dem bloßen Auge schnell klar, woher japanische Maler und Künstler ihre Inspiration nahmen.
Anhand meiner Ausführungen merkt ihr sicherlich, dass ich sehr für die Sakura-Blüte schwärme und es war umso schöner, am Ende der gemeinsamen Zeit mit meiner Freundin ein noch so faszinierendes Erlebnis zu haben, was romantischer nicht hätte sein können. Schließlich hieß es am folgenden Tag, Abschied zu nehmen, wenn auch diesmal die Trauer nicht ganz so groß war, da wir uns diesmal befreiter fühlen konnten, jetzt da wir wussten, dass wir uns auch nach solch langer Abstinenz noch aufeinander verlassen können.
Alles in allem waren diese drei unvergesslichen Wochen mit die Schönsten in Japan, wenn auch die komplette restliche Zeit genauso atemberaubend und prägend im positiven Sinne waren. So wie ich versuche, euch durch diese monatlichen Berichte ein bisschen von dem zu geben, was ich hier täglich erleben darf, konnte ich es auch bei meiner Freundin machen, der ich nicht nur Tokio, Kyoto oder Ishigaki, sondern auch mein neues, wenn auch vorübergehendes Leben samt Arbeitsplatz, Wohnung und Freunden, zeigen konnte. Ich hoffe, dass ihr durch diese Berichte ein wenig von dem nachvollziehen könnt, was ich hier alles erlebe, denn es ist mein Wunsch, meine Erlebnisse und Erfahrungen mit euch zu teilen. In diesem Sinne möchte ich hoffen, dass es euch allen gut geht und dass ihr wenigstens durch meine Ausführungen zur Sakura-Blüte ein wenig Harmonie für ein paar Sekunden gespürt habt.
Euer Sebastian